Id Badi ga …
Warum sich freie Zeit manchmal verdächtig anfühlt. Und wie die Badi zu meiner neuen Lieblingsstrategie für Müssiggang wird.
Seit drei Wochen geniesse ich mein neues, noch etwas ungewohntes Leben als Nicht-Angestellte. Und so konnte ich an einem Mittwochnachmittag etwas tun, das sich gleichzeitig banal und ziemlich luxuriös anfühlte: mit den Kindern in die Badi gehen.
Die Kinder waren natürlich schnell weg. Abgetaucht, losgezogen, irgendwo zwischen Sprungturm, Glacé und ihren Freundinnen und Freunden verschwunden.
Und ich?
Ich lag auf meinem Badtüchli im Schatten eines Baumes und schaute dem Treiben um mich herum zu.
Und da fiel mir etwas auf.
Die letzte Bastion des Nichtstuns
Niemand war produktiv.
Die meisten Erwachsenen lagen oder sassen am Boden. Einige lasen. Andere dösten. Manche schauten einfach vor sich hin oder plauderten mit jemandem. Keine sichtbaren Resultate, keine optimierten Abläufe, keine Flipcharts. Niemand schien gerade sein Potenzial auszuschöpfen.
Die Menschen machten einfach: nichts.
Die Badi – eine der letzten Bastionen des Nichtstuns, des Abhängens und der gepflegten Unproduktivität.
Und das alles noch halbnackt.
Wow.
Wenn freie Stunden verdächtig werden
Ich glaube, das erschien mir in dem Moment darum so bedeutsam, weil ich selbst seit kurzem nicht mehr angestellt bin. Wenn diese äussere Struktur wegfällt, zeigt sich, wie tief die innere Uhr der Erwerbsarbeit in einem weitertickt. Da können sich auch freie Stunden verdächtig anfühlen. Als müsste ich sie begründen, sinnvoll nutzen oder wenigstens etwas Vorzeigbares aus ihnen machen. Der "Müessi", dieser Teil von mir, der mir dauernd einflüstert "los, du musst deine Zeit sinnvoll nutzen, mach was daraus!".
Müssiggang oder Trägheit?
Der Philosoph Bertrand Russell schrieb bereits 1932 in seinem Essay Lob des Müssiggangs, dass wir Arbeit viel zu selbstverständlich als Tugend betrachten. Mehr freie Zeit, meinte er, würde nicht automatisch zu Trägheit führen. Sie könnte vielmehr Raum schaffen für Neugier, Spiel, Beziehungen und all das, was keinen wirtschaftlichen Nutzen haben muss, um wertvoll zu sein.
Das ist gar nicht so einfach für mich, mich wirklich auf diesen Müssiggang einzulassen. Wann ist Nichtstun Müssiggang und wann nur noch Trägheit? Und spielt diese Frage überhaupt eine Rolle, Trägheit darf doch auch sein?
Die Badi als Strategie
Ich glaube, das wird mich die nächsten Monate noch öfters beschäftigen. Und ich freue mich gerade sehr darüber, diesen Ort des Müssiggangs, die Badi, wiederentdeckt zu haben.
Mit Marshall Rosenberg gesprochen: Die Badi ist nicht das Bedürfnis selbst, sondern meine Strategie. Eine ziemlich schöne, um mir Entspannung, Entschleunigung und vielleicht sogar ein Stück Freiheit zu ermöglichen.
Einfach daliegen und nichts tun – umgeben von lauter Menschen, die genau dasselbe tun.
Wie krass ist das eigentlich?