Wenn Kinder nicht lernen wollen
Wie wir zwischen Loslassen und Dranbleiben stehen. Und warum Motivation nicht erzwungen werden kann.
Ein freier Nachmittag, ein Kind, das sich kaum überwinden kann – und eine Mutter, die zwischen Loslassen und Dranbleiben hin- und hergerissen ist. Ein Text über den schmalen Grat zwischen Fürsorge und Druck. Und über einen Moment Leichtigkeit, den ich nicht geplant hatte.
Leo will keine Wörter üben.
Und das, obwohl am nächsten Tag ein Test ansteht.
Man könnte jetzt darüber diskutieren, wie sinnvoll solche Tests sind oder ob es wirklich Sinn macht, dass eine ganze Klasse im gleichen Tempo dasselbe übt.
Darum geht es hier nicht.
Sondern um die Frage: Wie gehe ich als Mutter damit um?
Zwischen Wollen und Nicht-Wollen
Das Thema begleitet uns schon lange.
Leo merkt selbst, dass ihm das Schreiben schwerfällt, und es stört ihn. Er hat sich sogar vorgenommen, besser schreiben zu lernen. Da ist also dieser Wunsch – sein eigener.
Und gleichzeitig gibt es diese Momente: ein freier Nachmittag, ein bisschen Üben als Hausaufgabe – und plötzlich geht gar nichts mehr.
Er windet sich, zögert, weicht aus.
„Ich will nicht."
Und ich sitze daneben und merke: Es ist mir nicht egal.
Was dahinterstecken könnte
Wenn Leo sich kaum überwinden kann, ist das kein Willensproblem. Es hat sehr wahrscheinlich mit der Entwicklung seiner exekutiven Funktionen zu tun – jenen kognitiven Fähigkeiten, die uns helfen, Impulse zu kontrollieren, Aufgaben zu beginnen, die wir nicht mögen, und ein übergeordnetes Ziel im Blick zu behalten. Diese Fähigkeiten reifen langsam und geraten unter Erschöpfung oder Druck schnell an ihre Grenzen (Thompson & Steinbeis, 2020).
Was Kinder dabei stärkt, ist nicht Druck oder Kontrolle, sondern das Gefühl von Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit. Intrinsische Motivation entsteht dort, wo jemand sich selbstwirksam und frei fühlt – nicht dort, wo er muss (Deci & Ryan, 2000).
Das weiss ich. Und trotzdem hilft mir dieses Wissen im Alltag nur bedingt weiter, wenn ein Kind vor mir sitzt, das gerade nicht kann.
Mein innerer Konflikt
An solchen Tagen merke ich, wie viele Stimmen in mir gleichzeitig sprechen.
Die besorgte Mutter. Die geduldige Begleiterin. Und dann noch diese eine, die leise fragt: Tust du genug?
Genau für solche Momente habe ich mein Giraffengspänli – meinen Empathie-Buddy. Einmal pro Woche tauschen wir uns aus und schauen gemeinsam auf Situationen aus unserem Alltag, mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg.
Auch rund um dieses Thema habe ich schon einige Empathierunden gehabt.
Und trotzdem komme ich ins Zweifeln.
Handle ich gerade aus Fürsorge? Oder spricht da ein Wolf in mir?
In der Sprache der Gewaltfreien Kommunikation nennt man solche inneren Stimmen „Wölfe" – Gedanken, die bewerten, fordern oder urteilen. Meiner klingt ungefähr so:
Er muss lernen, Dinge anzupacken, auch wenn sie unangenehm sind. Sonst wird es später schwierig für ihn.
Dieses „muss" lässt mich aufhorchen.
Denn ich weiss: Aus einem inneren „Muss" wird schnell ein Druck, den ich weitergebe – auch wenn ich es eigentlich anders möchte. In meinen Worten. In meiner Ungeduld. Oft ganz leise.
Rosenberg hat sinngemäss gesagt: Wenn wir Zwang einsetzen, zahlen wir einen Preis dafür. Und dieser Preis ist meistens die Verbindung – zu unserem Kind und zu seiner eigenen Motivation.
Und gleichzeitig ist da etwas, das mir wirklich wichtig ist: Ich wünsche mir, dass Leo lernt, einem übergeordneten Ziel zu folgen. Anzufangen, auch wenn es im ersten Moment schwer ist. Zu erleben, wie es leichter wird. Das ist keine Leistungserwartung – das ist Fürsorge.
Aber wo ist die Grenze?
Zwischen Druck und Loslassen
An diesem Tag versuche ich es.
„Ich habe bis um drei Zeit, ich kann dich unterstützen. Möchtest du das?"
„Ja… aber nicht jetzt."
Ich bleibe dran:
„Komm, wir machen einfach 15 Minuten. Danach bist du fertig und wirst merken, wie gut es sich anfühlt, wenn man etwas geschafft hat, das schwer war."
Während ich spreche, merke ich: Ich will ihn motivieren. Und gleichzeitig übe ich Druck aus.
Ich halte inne.
Spüre den Wolf.
Die Angst, dass er es sonst nicht lernt. Dass ich nicht genug begleite. Dass ich etwas verpasse.
Und gleichzeitig sehe ich mein Kind vor mir, das gerade einfach nicht kann.
Innehalten und neu entscheiden
Ich halte inne und versuche wirklich zu erfassen, was gerade bei ihm los ist.
Und ich sage:
„Ich sehe, dass es dir gerade zu schwer ist und dass du selbst entscheiden möchtest. Ich respektiere das – auch wenn es mir nicht leichtfällt."
Ich frage ihn, ob es einen anderen Zeitpunkt gibt oder ob er lieber mit jemand anderem üben möchte.
Und dann lasse ich los.
Nicht ganz entspannt. Aber bewusst.
Als Leichtigkeit ins Spiel kommt
Später erzählt mir seine Schwester, dass sie gemeinsam ein Spiel daraus gemacht haben.
Sie hat ihm Wörter diktiert. Und bei jedem Fehler gab es eine Gurkenscheibe – mit Mayonnaise oder Senf.
Sie hatten Spass.
Plötzlich war da Leichtigkeit.
Ich hatte das nicht geplant. Ich hatte nichts organisiert. Ich hatte losgelassen.
Und dann ist es einfach passiert.
Was ich daraus lerne
Ich bin nicht perfekt. Wer ist das schon.
Ich merke, wie ich immer wieder in alte Muster rutsche. In Glaubenssätze, in Erwartungen, in dieses „Er müsste doch…".
Und manchmal schaffe ich es in diesen Momenten nicht, anders zu handeln.
Dann bin ich streng mit mir.
Und genau dann hilft mir ein Gedanke aus der Gewaltfreien Kommunikation: Menschen tun jederzeit das Beste, was ihnen in diesem Moment möglich ist.
Dieser Satz erinnert mich daran, milder zu werden.
Mit mir. Und mit meinem Sohn.
Denn vielleicht gilt das gerade für uns beide: Er tut sein Bestes, wenn er nicht üben kann. Und ich tue mein Bestes, während ich versuche, ihn zu begleiten.
Nicht Perfektion.
Sondern immer wieder neu in Verbindung kommen.
Wenn dich solche Situationen aus deinem Alltag beschäftigen und du dir mehr Klarheit zwischen Begleiten und Loslassen wünschst, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg. Mehr zu meinem Coachingangebot findest du auf meiner Website.
Literatur
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Rosenberg, M. B. (2016). Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens (Neuauflage). Paderborn: Junfermann.
Thompson, A., & Steinbeis, N. (2020). Sensitive periods in executive function development. Current Opinion in Behavioral Sciences, 36, 98–105.
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