Wenn Kinder lügen
Was wirklich dahintersteckt. Und warum uns das oft mehr über uns selbst zeigt als über sie.
Eine SMS Nachricht, ein Gespräch mit meinem Sohn – und plötzlich waren sie alle da: meine inneren Wölfe.
Ein Text darüber, was hinter Kinderlügen stecken kann.
Und wie Verbindung wieder möglich wird.
Kürzlich erhielt ich eine SMS von einer Mutter aus der Klasse meines Sohnes. Eine dieser Nachrichten, bei denen man automatisch hofft, sich verlesen zu haben.
Sie schrieb, Leo würde ihre Tochter seit einiger Zeit immer wieder körperlich grob behandeln.
Ich starrte auf diese Nachricht und dachte: Moment. Mein Sohn?
Mein Partner und ich waren ehrlich gesagt ziemlich entsetzt. Also bat ich sie um ein paar konkrete Beispiele. Ihre Schilderungen machten deutlich, dass es um Situationen ging, in denen Leo im Umgang mit ihrer Tochter zu grob oder zu heftig geworden war.
Nicht schön. Ich merkte, wie mir plötzlich ganz viele Gedanken durch den Kopf schossen. Und da war sofort dieser Wunsch: Ich muss mit Leo sprechen.
Am Abend setzte ich mich zu ihm und sagte:
„Die Mama von Sabrina hat mir geschrieben. Sabrina erzählt zuhause, dass du manchmal grob zu ihr bist. Magst du erzählen, was da passiert ist?“
Leo begann ausführlich zu berichten und erklärte, dass vieles ganz anders gewesen sei.
Während er sprach, spürte ich, wie sich in mir etwas zusammenzog. Und dann rutschte mir ein Satz heraus:
„Leo, ich glaube, du lügst.“
Er schaute mich kurz an und sagte erstaunlich gelassen:
„Ja stimmt. Ich lüge gerade.“
Am Abend merkte ich, wie mich die Tatsache, dass mein Sohn gelogen hatte, nicht mehr losliess.
Wenn die inneren Wölfe übernehmen
Immer wenn meine Gefühle durcheinanderwirbeln wie Socken in der Waschmaschine, bin ich dankbar für mein sogenanntes Giraffengspänli – meinen Empathie-Buddy. Einmal pro Woche tauschen wir uns aus und schauen gemeinsam auf Situationen aus unserem Alltag – mithilfe der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg.
Im Gespräch wurde mir schnell klar: Rund um das Thema Lügen wohnen in mir erstaunlich viele Wölfe. So nennt Rosenberg jene inneren Stimmen, die sofort urteilen und bewerten.
„Man darf nicht lügen.“
„Wenn mein Sohn lügt, habe ich als Mutter versagt.“
„Offenbar geben wir ihm kein sicheres Zuhause.“
Und dann tauchte er wieder auf, mein alter Bekannter – mein persönlicher Wurzelwolf. So nennt meine Trainerin Uschi jene besonders tief sitzenden Glaubenssätze.
Meiner klingt ungefähr so:
Du genügst nicht als Mama.
Kaum meldet sich dieser Wurzelwolf, wird es schwer in mir. Traurig. Und auch ein bisschen bedrohlich. Denn plötzlich steht nicht mehr nur eine Alltagssituation auf dem Spiel, sondern gleich meine ganze Mutterkompetenz.
Was hinter dem Lügen stecken könnte
Im Gespräch mit meiner Empathiepartnerin durfte dann erst einmal alles auf die Bühne: die besorgte Mutter, die strenge Richterin und die Katastrophenplanerin, die bereits Leos einsame Zukunft vor sich sah.
Interessanterweise passiert etwas, wenn diese Stimmen gehört werden: Sie werden leiser.
Langsam wurde unter all dem Lärm etwas anderes spürbar. Bedürfnisse.
Mein Bedürfnis nach Fürsorge.
Mein Wunsch, meinen Sohn zu verstehen.
Mein Bedürfnis nach Ehrlichkeit und Vertrauen.
Erst als ich diese wieder spüren konnte, wurde es in mir ruhiger. Ruhig genug, um mich zu fragen:
Warum hat Leo eigentlich gelogen?
Vielleicht wusste er selbst, dass er eine Grenze überschritten hatte. Vielleicht schämte er sich. Vielleicht wollte er sich einfach schützen.
Die Entwicklungspsychologie zeigt, dass Kinder häufig nicht lügen, um andere bewusst zu täuschen, sondern um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden oder ihr Selbstbild zu schützen. Forschende gehen sogar davon aus, dass die Fähigkeit zu lügen eng mit der sozialen Entwicklung zusammenhängt: Kinder beginnen oft dann zu lügen, wenn sie lernen, dass andere Menschen eigene Gedanken und Perspektiven haben (Talwar & Lee, 2008; Lee, 2013).
Plötzlich konnte ich meinen Sohn wieder als ein Kind sehen, das versucht, mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen.
Die Strategie – grobes Verhalten und danach zu lügen – fand ich weiterhin wenig hilfreich. Aber ich konnte anerkennen, dass er wahrscheinlich seine Gründe hatte.
Und genau hier hilft mir ein Gedanke aus der Gewaltfreien Kommunikation immer wieder weiter. Marshall B. Rosenberg formulierte es so:
„Alles, was Menschen tun, ist ein Versuch, sich ein Bedürfnis zu erfüllen.“
Mit diesem Blick konnte ich wieder in Verbindung mit meinem Sohn kommen – und erst dann war ich bereit, noch einmal mit ihm zu sprechen.
Wieder in Verbindung kommen
Als ich danach noch einmal mit Leo sprach, war ich wieder bei mir angekommen.
Ich konnte ihm sagen, dass ich ihn liebe – ohne Vorbehalt. Und gleichzeitig klar benennen, dass grobes Verhalten und Lügen keine Strategien sind, die Beziehungen guttun.
Er hörte zu.
Und ich auch.
Solche Gespräche gelingen mir heute nicht, weil ich eine besonders geduldige Mutter wäre. Sondern weil ich seit vielen Jahren übe, mit meinen eigenen inneren Wölfen umzugehen.
Die Gewaltfreie Kommunikation hat mir dabei ein unglaublich hilfreiches Werkzeug gegeben: zuerst mich selbst zu verstehen – und von dort aus mein Kind.
Wenn dich solche Situationen aus deinem Familienalltag beschäftigen und du dir mehr Klarheit und Verbindung wünschst, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg. Mehr zu meinem Coachingangebot findest du auf meiner Website.
Literatur
Lee, K. (2013). Little liars: Development of verbal deception in children. Child Development Perspectives, 7(2), 91–96.
Talwar, V., & Lee, K. (2008). Social and cognitive correlates of children's lying behavior. Child Development, 79(4), 866–881.
Rosenberg, M. B. (2016). Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens (Neuauflage). Paderborn: Junfermann.
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