Vom Glück der kleinen Momente

Wie kleine Momente grosse Freude auslösen können. Und was Dankbarkeit mit dem Feiern des Lebens zu tun hat.

Ein Sonnenaufgang im Nachtzug, der erste Kaffee am Morgen – und eine Dankbarkeitspraxis, die mich seit vielen Jahren begleitet. Ein Text über die Freude an kleinen Alltagsmomenten, das bewusste Wahrnehmen erfüller Bedürfnisse und darüber, was es in der Gewaltfreien Kommunikation bedeutet, das Leben zu feiern.

Gestern Morgen, irgendwo vor Wien. Ich sitze im Nachtzug und schaue aus dem Fenster. Langsam wird es hell. Über den Feldern liegen leichte Nebelschwaden, am Horizont geht die Sonne auf.

Ich schaue und schaue.

Und plötzlich ist sie da. Diese angenehme Wärme in meinem Brustraum. Ein Lächeln auf meinem Gesicht. Mein Herz wird weit.

Dankbarkeit.

Dafür, dass ich diesen Moment erleben darf. Dafür, dass fünf Tage in Wien vor mir liegen, in denen ich mich mit etwas beschäftigen kann, das mich brennend interessiert: Internal Family Systems (IFS) nach Richard Schwartz.

Aber auch einfach für diesen Sonnenaufgang. Für die Nebelschwaden. Für diesen Augenblick.

Der erste Kaffee am Morgen

Seit vielen Jahren gehört eine bewusste Dankbarkeitspraxis zu meinem Alltag. Meistens morgens, bevor die Kinder wach sind und das Haus zum Leben erwacht, nicht täglich. In dieser Ruhe gelingt es mir besonders gut, mit mir selbst in Verbindung zu kommen. Ich halte inne und schaue, wofür ich gerade dankbar bin.

Dabei sind es erstaunlich oft die kleinen Dinge, die mir einfallen. Eine schöne Begegnung vom Vortag oder ein gutes Gespräch, die Vorfreude auf etwas oder der Spatz, der draussen vorbeifliegt. Und immer wieder mein erster Kaffee am Morgen.

Ich freue mich häufig schon beim Aufwachen darauf. Auf den Duft, den ersten Schluck… da geht mir regelrecht das Herz auf. Jeden Morgen wieder. Man könnte meinen, nach all den Jahren müsste sich das irgendwann abnutzen. Tut es aber nicht.

Manchmal muss ich allerdings auch ein bisschen graben, bis mir etwas einfällt, wofür ich dankbar bin. Vor allem dann, wenn mich gerade etwas beschäftigt oder ich mit meinen Gedanken bereits bei den Aufgaben des Tages bin. Oft taucht dann doch noch etwas auf, das ich beinahe übersehen hätte. Dass eine regelmässige Dankbarkeitspraxis unser Wohlbefinden fördern kann, zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen (Emmons & McCullough, 2003; Choi et al., 2025). Die durchschnittlichen Effekte sind zwar eher klein, aber durchaus bedeutsam.

Ich glaube, dass sich meine Aufmerksamkeit durch diese jahrelange Praxis verändert hat. Mir fallen immer wieder kleine Dinge auf, die mir früher vielleicht entgangen wären. Und manchmal staune ich selbst darüber, wie viel Freude in einem ganz gewöhnlichen Moment stecken kann.

Das Leben feiern

Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, hat sich ebenfalls intensiv mit Dankbarkeit und Wertschätzung beschäftigt. Er spricht davon, das Leben zu feiern und zu würdigen, was zu seiner Schönheit beiträgt.

Diese Vorstellung mag ich sehr.

In der Gewaltfreien Kommunikation beschäftigen wir uns häufig mit schwierigen Gefühlen, Konflikten und unerfüllten Bedürfnissen. Dabei hat auch das Feiern erfüllter Bedürfnisse einen wichtigen Platz. Rosenberg beschreibt beides als wesentliche Möglichkeiten, mit dem Leben in Verbindung zu sein: das Betrauern unerfüllter und das Feiern erfüllter Bedürfnisse.

Beim Ausdruck von Dankbarkeit schlägt Rosenberg vor, drei Dinge bewusst wahrzunehmen: Was hat konkret zu meinem Wohlbefinden beigetragen? Welches Bedürfnis wurde dadurch erfüllt? Und was fühle ich, wenn ich mich damit verbinde?

Bei Rosenberg gefällt mir besonders, dass Dankbarkeit etwas mit echtem Erleben zu tun hat. Ich kann sie nicht einfach herbeireden. Wenn ich traurig, wütend oder erschöpft bin, braucht vielleicht erst einmal etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Auch diese Gefühle haben ihren Platz. Schliesslich geht es in der GFK darum, wahrzunehmen, was gerade in uns lebendig ist.

Den kleinen Momenten auf der Spur

Gestern Morgen musste ich nicht lange nach meiner Dankbarkeit suchen. Der Sonnenaufgang war kaum zu übersehen. Ich habe eine ganze Weile aus dem Fenster geschaut und mich an den Farben und den Nebelschwaden gefreut.

Vielleicht hast du Lust, selbst einmal einem solchen Moment nachzuspüren. Rosenbergs drei Fragen können dabei helfen:

Was ist konkret geschehen? Vielleicht war es eine Begegnung, ein Gespräch oder ein kurzer Moment der Ruhe.

Welches Bedürfnis wurde dabei erfüllt? Zum Beispiel Verbindung, Leichtigkeit, Geborgenheit, Inspiration oder Lebensfreude.

Was fühlst du, wenn du dich jetzt daran erinnerst? Und wo in deinem Körper nimmst du dieses Gefühl wahr?

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie lebendig ein schöner Moment werden kann, wenn ich mich noch einmal bewusst mit ihm verbinde.

Inzwischen ist es draussen hell geworden. Wien ist nicht mehr weit. Fünf Tage Lernen und Eintauchen in ein Thema, das mich fasziniert, liegen vor mir.

Und auf einen guten Kaffee freue ich mich natürlich auch.

Literatur

  • Choi, H. et al. (2025). A Meta-Analysis of the Effectiveness of Gratitude Interventions on Well-Being Across Cultures. Proceedings of the National Academy of Sciences. https://doi.org/10.1073/pnas.2425193122

  • Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting Blessings Versus Burdens: An Experimental Investigation of Gratitude and Subjective Well-Being in Daily Life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. https://doi.org/10.1037/0022-

  • Rosenberg, M. B. Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens. Kapitel zur Wertschätzung und Dankbarkeit.

  • Schwartz, R. C. (2021). No Bad Parts: Healing Trauma and Restoring Wholeness with the Internal Family Systems Model. Boulder, CO: Sounds True

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