Wie empathische Begleitung den Blick auf ein Kind wieder öffnet.
«Nicht schon wieder!»
Ein Kind stellt sich auf dem Weg ins Klassenzimmer immer wieder anderen Kindern in den Weg. Manche versuchen, an ihm vorbeizukommen, andere rufen nach der Lehrperson.
Die Lehrperson kennt das inzwischen. Sie versucht, rechtzeitig einzugreifen, spricht mit dem Kind und erklärt ihm, dass die anderen vorbeigehen möchten.
Am nächsten Tag geschieht es wieder.
So beschreibt mir eine Lehrperson die Situation in einem Coaching. Sie merkt, wie sie schon beim Anblick des Kindes angespannt ist. Ihre Geduld ist ziemlich am Ende. Manchmal würde sie es am liebsten einfach aus der Situation entfernen.
Dabei hat sie durchaus eine Vorstellung davon, was hinter seinem Verhalten stecken könnte. Vielleicht möchte es gesehen werden. Vielleicht sucht es Zugehörigkeit.
Nur hilft ihr dieses Wissen im Moment wenig. Sie ist wütend. Sie möchte, dass die anderen Kinder ungehindert ins Klassenzimmer kommen und sich dabei sicher fühlen können.
Was steckt hinter dem Verhalten?
In der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) gehen wir davon aus, dass Menschen mit ihrem Verhalten versuchen, sich Bedürfnisse zu erfüllen.
Gesehen werden, Zugehörigkeit oder Sicherheit sind solche Bedürfnisse. Sie sind uns Menschen gemeinsam, auch wenn wir ganz unterschiedliche Wege finden, sie zu erfüllen.
In der GFK nennen wir diese Wege Strategien.
Das In-den-Weg-Stellen könnte also ein Versuch sein, gesehen zu werden. Ob das tatsächlich so ist, wissen wir nicht. Es lohnt sich aber, danach zu fragen.
Das bedeutet nicht, dass die Lehrperson dieses Verhalten hinnehmen muss. Die anderen Kinder sollen ungehindert ins Klassenzimmer gelangen können. Gleichzeitig kann sie versuchen herauszufinden, was das Kind mit seinem Verhalten erreichen möchte.
Nur: Was macht sie, wenn sie gerade überhaupt keine Lust mehr hat, sich damit auseinanderzusetzen?
Und die Lehrperson?
Sie hat sich schon so oft bemüht. Hat Gespräche geführt, Grenzen gesetzt und versucht, das Kind zu verstehen. Trotzdem steht sie immer wieder vor derselben Situation.
Im Coaching bekommt zunächst ihr eigener Ärger Raum. Ich höre ihr zu und versuche zu verstehen, was sie so wütend macht.
Im Gespräch wird deutlich, wie wichtig ihr ein harmonisches Miteinander in der Klasse ist. Sie möchte die anderen Kinder schützen. Gleichzeitig ist sie erschöpft, weil ihre bisherigen Bemühungen wenig zu bewirken scheinen.
Sie fühlt sich hilflos und weiss gerade nicht mehr weiter.
In der Gewaltfreien Kommunikation sprechen wir von Selbstempathie, wenn wir uns unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zuwenden. Das kann uns allein gelingen. Manchmal hilft es, wenn uns jemand dabei empathisch begleitet.
Wieder neugierig werden
Nachdem die Gefühle und Bedürfnisse der Lehrperson Raum bekommen haben, wenden wir uns nochmals dem Kind zu.
Was könnte es brauchen? Vielleicht möchte es gesehen werden. Vielleicht sucht es Zugehörigkeit oder Sicherheit.
Im Gespräch wird die Lehrperson nachdenklich. Ihr Ärger lässt nach, sie empfindet wieder Mitgefühl.
In der GFK sprechen wir von Fremdempathie, wenn wir versuchen, die Gefühle und Bedürfnisse unseres Gegenübers zu verstehen.
Mit diesem veränderten Blick entstehen neue Ideen. Die Lehrperson beschliesst, dem Kind bereits beim Ankommen mehr Zuwendung zu schenken. Sie spricht es an, interessiert sich für das, was es beschäftigt, und begleitet es anschliessend ins Klassenzimmer.
Später erzählt sie mir, dass solche schwierigen Situationen seltener geworden sind.
Was mich an diesem Gespräch besonders beschäftigt: Die Lehrperson hatte die möglichen Bedürfnisse des Kindes von Anfang an erkannt. Doch ihr eigener Ärger und ihre Erschöpfung machten es ihr schwer, darauf einzugehen.
Durch die empathische Begleitung konnte sie sich zunächst ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zuwenden. Danach gelang es ihr wieder, auch die Bedürfnisse des Kindes in den Blick zu nehmen.
Aus diesem Perspektivenwechsel entwickelte sie selbst neue Strategien, die sich im Schulalltag bewährten.
Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag
Wie lassen sich Empathie und ein bewusster Umgang mit Gefühlen und Bedürfnissen im Schulalltag leben? In meinen Weiterbildungen für Schulteams und im Coaching für Lehrpersonen beschäftigen wir uns mit solchen Fragen anhand konkreter Situationen aus dem Berufsalltag.
Die geschilderte Situation stammt aus meiner Beratungspraxis. Einzelheiten wurden zum Schutz der Beteiligten verändert.